Atenco: Bericht der Chilenin Novoa von tierr@ - 13.05.2006 11:14
Die 30 jährige Medienmacherin und Antropologin, Valentina Palma
Novoa, aus Chile gehört zu den Verhafteten von Atenco und wurde zudem
aus Mexiko ausgeflogen. Übersetzung ihres Berichtes über die
Repressionen und Gewalt ...- Unter dem Artikel "Berichte von
Gefangenen in Atenco", wurde um die Übersetzung des folgenden
Gedächtnisprotokolls von Valentina Palma Novoa, gebeten.... ( Leider
gibt es ein paar sprachliche ?, die vielleicht jem@nd ergänzen kann )
Brief von Valentina Palma Novoa, 10.Mai 2006
Mein Name ist Valentina Palma Novoa, ich bin 30 Jahre alt, von denen
ich die letzten elf, in Mexiko gelebt habe. Ich habe den
Hochulabschluss der Escuela Nacional de Antropología e Historia (
Anthropologie und Geschichte ) und studiere aktuell im 4.ten Jahr
Realización cinematográfica ( Filmemachen ? ) am Centro de
Capacitación Cinematográfica ( ?). Tengo FM 3de estudiante ( ? ). Im
Folgenden möchte ich Ihnen über die Geschehnisse berichten, zu deren
Zeugin ich während der gewalttätigen Zwischenfälle wurde, die sich am
Donnerstag, 04. Mai 06, in der Gemeinde San Salvador Atenco
ereigneten und die , auf ungerechte und willkürliche Weise, mit
meiner Ausweisung ( aus Mexiko ) endeten. 1.- Am Tag des 03.Mai,
nachdem ich die Nachcrichten gesehen und mich über den Tod einen 14.
jährigen Jungen informiert hatte, war ich als Anthropologin und
Kulturfilmemacherin über den Tod des Kindes erschüttert und machte
mich deshalb auf dem Weg nach San Salvador Atenco, um die reale
Situation des Ortes aufzuzeichnen.
Ich verbrachte die Nacht dort und
filmte die Wachposten, die von der Bevölkerung aufgestellt worden
waren und interviewte diese. Es war kalt und ich trat an die
Lagerfeuer, welche die Leute des Ortes entfacht hatten, wobei ich
weiter Fotos machte. Das Licht der Morgendämmerung kündigte einen
neuen Tag an: Donnerstag den 04.Mai. Es war gegen 6 Uhr früh, als die
Glocken der Kirche von San Salvador Atenco zu läuten begannen: tum
tum tum tum, immer wieder, während das Mikrophon schreiend kund tat,
dass die Polizei sich im Ort befand. Fahrräder fuhren von einer Seite
zur andern; die Bäckerei an einer der Kirchenflanken, hatte schon
ihre Türen geöffnet und der wunderbare Duft nach frisch gebackenem
Brot erfüllte, zusammen mit dem Hin und Her der Campesinos ( Bauern )
auf ihren Rädern, die Strasse. Der Mann, der Atoles ( Maismehlgetränk
) verkaufte sagte, dass er sich Sorgen mache, dass "die, die gekommen
waren, grosse Schweinehunde waren." Ich ging zu einem der Wachposten,
wo die Campesinos in Richtung eines Haufens von Polizisten blickten,
der von weitem zu sehen war. Als ich die Kamera in Stellung brachte,
merkte ich, dass es viele waren und dass sie verdeckt von ihren
Schildern, kleine, kaum merkliche Schritte machten. Ich empfand
Angst, sie waren viele, schwer bewaffnet und die Campesinos wenige
und unbewaffnet. Im Sucher meiner Kamera sah ich wie einer der
Polizisten nach uns zielte und ein Projektil abschoss, dass, als es
neben mir auftraf, Geruch zu verströmen begann und ich merkte, dass
es Tränengas war.
Immer mehr Tränengas begrub den Duft
frischgebackenen Brots und verwandelte die enge Gasse in ein
Schlachtfeld. Schnell war die Luft nicht mehr zu atmen und ich ging
zum ( Haupt ) -Platz, während die Glocken heftiger schlugen und in
verschiedenen Strassen die Polizei sichtbar wurde, die von weitem
angerückt kam. Der wenige Widerstand seitens der Campesinos, endete
angesichts des Angriffs der Polizeikräfte, die sich abrupt auf die
EinwohnerInnen stürzten. Ich packte meine Kamera ein und lief
zusammen mit den anderen, so schnell ich konnte.Gegenüber der Kirche
gab es ein öffentliches Gebäude, dessen Türen offen waren; dorthinein
stellte ich mich und wartete illusionärerweise darauf, dass die
Turbulenzen vorbeigingen.
Zwei Jugndliche suchten dort ebenfalls
illusionärerweise Schutz vor der Attacke, Wir waren drei und sahen
einander in unsere beklommenen und angsterfüllten Gesichter. Voller
Sorge ging ich vor, um auf die Strasse zu sehen und sah, wie fünf
Polizisten mit toteles (wohl Schlagstöcke ? ) und Fusstritten völlig
mitleidslos, auf einen alten Mann einhieben, der am Boden lag. Ich
empfand noch mehr Angst, ging zurück und sagte den beiden
Jugendlichen, dass wir uns besser verstecken müssten, dass wir hier
zu sehr präsentiert waren. Illusionärerweise stiegen wir auf das
Flachdach und starrten dort, auf dem Rücken liegend, die Helikopter
an, die wie grosse Schmeissfliegen den Himmel durchsurrten, während
die Schüsse, die aus dem Ort ertönten, zu einem Teil der Landschaft
wurden. Ein Mann schrie uns mit gewaltsamer Stimme zu: "Die
Schweinehunde auf dem Dach sollen herunterkommen". Die Jugendlichen
kletterten zuerst hinab; von oben sah ich, wie sie sie schlugen und
voller Panik, wollte ich nicht hinunter, bis ein Polizist
schrie."Komm´ runter, du Hündin, komm´ sofort runter." Ich stieg
langsam hinunter, erschreckt davon zu sehen, wie sie die beiden
Jugendlichen auf den Kopf schlugen.
Zwei Polizisten schoben mich
vorwärts, während zwei andere mich mit ihren toteles auf den
Oberkörper, den Rücken und auf die Beine schlugen schlugen. Meine
Schmerzensschreie wurden lauter, bis ich die Stimme jemandens hörte,
der für die Liste der Festgenommenen, nach meinem Namen fragte; ich
antwortete: "Valentina, Valentina Palma Novoa", während ein Polizist
befahl, dass ich den Mund halten sollte und ein anderer auf meinen
Oberkörper einschlug. Eine Männerstimme befahl, mich mit den Schilden
zu verdecken, damit nicht zu sehen war, wie sie mich schlugen. An
einer Seite der Kirche blieben sie stehen und befahlen dort, dass ich
mich, zusammen mit den anderen Festgenommenen hinkniete und die Hände
im Nacken verschränkte. Sie fuhren damit fort, uns zu schlagen. Mein
celular ( ? ) tönte und eine Stimme befahl, meine Tasche zu
durchsuchen. In diesem Moment raubten sie mir meine Videokamera, mein
celular und einen kleinen Geldbeutel mit meinen Idenditätspapieren
und fünfhundert Pesos. Sie zogen mich an den Haaren hoch uns sagten:
"Steig´in den Laster, Hure." Ich konnte mich kaum bewegen und sie
verlangen, dass ich extrem schnell machen sollte. Sie stiessen mich
auf die anderen verletzten und blutenden Körperund befahlen mir, den
Kopf in eine Blutlache zu senken.
Als ich das nicht tun wollte, zwang
mich ein schwarzer Stiefel über meinem Kopf dazu. Die Motoren des
Lasters starteten und auf der Strecke wurde ich von vielen
Polizeihänden begrapscht. Ich schloss nur die Augen und presste die
Zähne zusammen, in der Hoffnung, dass das Schlimmste nicht passieren
würde. Meine Hosen waren heruntergezogen, als der Laster hielt und
man mir befahl auszusteigen, was ich ungeschickt tat. Eine Polizistin
sagte: "Überlasst diese Hündin mir" und versetzte mir Ohrfeigen mit
beiden Händen. Ich fiel hin und zwei Polizisten packten mich, um mich
zu einem Bus zu bringen, entlang einer Reihe von Polizisten, die nach
uns traten. Im Bus fragte mich eine andere Polizistin nach meinem
Namen, während zwei männliche Polizisten brutal meine Brüste kniffen
und sie mich auf den Körper eines alten Mannes warfen, dessen Gesicht
blutverrkustet war. Als er meinen Körper auf sich spürte, schrie er
auf, vor Schmerz. Ich versuchte mich zu bewegen und ein Tritt in den
Rücken bremste mich; mein Schrei liess den alten Mann ebenfalls
wieder aufschreien, der Gott um Mitleid anflehte.
Eine Frauenstimme
wies mir einen Platz, hinten im Bus zu; ich begab mich dorthin und
konnte von da aus die blutigen Gesichter der übrigen Festgenommenen
sehen und das Blut, das überall auf dem Boden versprengt war. Obwohl
ich selbst nicht blutete, waren meine Hände und meine Kleider mit dem
Blut der anderen Verhafteten bespritzt. Ruhig und dem Jammern der
Körper neben mir lauschend, hörte ich, wie sie weitere Gef@ngene in
den Bus brachten und sie unter Schlägen und Schmerzensschreien, nach
ihren Namen fragten. Ich weiss nicht, wieviel Zeit verging, aber die
Türen des Busses schlossen sich und er fuhr los. Wir waren ungefähr
zwei oder drei Stunden unterwegs. Die Folter begann und jede kleine
Bewegung, zog einen weiteren Schlag nach sich. Ich schloss die Augen
und versuchte zu schlafen, aber das Jammern neben mir, liess es nicht
zu; der alte Mann sagte: "Mein Bein, mein Bein.Gott, Mitleid, Mitleid
bitte:" Ich weinte bitterlich und dachte, der alte Mann würde neben
mir sterben. Ich bewegte meine Hand und versuchte ihn zu berrühren,
um ihm ein wenig Wärme zu geben, doch ein tolete schlug auf meine
Hand und ich bat mit einer Geste den Polizisten um Mitleid und damit
aufzuhören, mich zu schlagen. Weil ich ihm ein bisschen Liebe geben
wollte, streichelte ich das Bein des Alten, der für ein paar
Augenblicke aufhörte zu jammern. Ich fragte ihn nach seinem Namen und
er antwortete mir: "Wenn ich sterbe, weinen Sie nicht. Machen Sie ein
Fest, bitte." Ich weinte still vor mich hin; in der Gesellschaft von
nur anderer, derart geschlagener Körper, dachte ich das Schlimmste,
dass sie uns wer weiss wohin brächten und uns alle dort umbringen und
verschwinden lassen würden. Einen Moment lang schlief ich, aber der
Geruch nach Blut und Tod weckte mich auf. Als ich die Augen öffnete,
sah ich eine Gefängnismauer. Der Bus hielt an und eine Stimme befahl,
dass wir durch die hintere Tür aussteigen sollten. Sie befahlen mir,
stehenzubleiben, die Tür ging auf und eine Reihe von Polizisten
blickte in mein weinendes und unbedecktes Gesicht; ich bekam wieder
Angst. Draussen befahl eine Stimme, die Türe zu schliessen und dass
die Festgenommenen mit bedeckten Gesichtern herauskommen sollten.
Ein
Polizist bedeckte mir den Kopf mit meinem Umhangund die Tür öffnete
sich wieder. Vor dem Bus packte ein Polizist mich an der Hose und
drückte mit der anderen Hand meinen Kopf nach unten. Die Reihe der
Polizisten begann mit Tritten auf meinem Körper und die der anderen
Verh@fteten, die Teil unserer Reihe waren. Die Tür der Strafanstalt
ging auf und unter Schlägen und Fusstritten führten sie uns durch
enge Gänge. Bevor wir an einem Untersuchungstisch ankamen, beging ich
den Fehler, den Kopf zu heben und in die Augen eines Polizisten zu
sehen, der meinen Blick mit einem harten Schlag mit geballter Faust
in meinen Magen beantwortete, so dass mit für Momente die Luft
wegblieb. An dem Tisch fragten sie mich nach Namen, Alter und
Nationalität; danach brachten sie mich in einen kleinen Raum, indem
eine dicke Frau mir befahl, sämtliche Kleider auszuziehen. Angesichts
meiner Ungeschicklichkeit, verursacht durch die Schläge, befahl sie
mir mehr Tempo. "Señora, ich wurde sehr geschlagen, warten sie
bitte", sagte ich zu ihr. Sie durchsuchte mich, ich zog mich wieder
an und sie bedeckte wieder mein Gesicht mit dem Umhang. Ich verliess
den Raum und und sie befahlen uns eine Frauenreihe zu bilden, um
formiert und mit dem Kopf nach unten, inden Gefängnishof zu treten,
wonach ich mich darüber informierte, dass ledecían "almoloyita" ( ? )
in der Stadt Toluca.
Es war 14 Uhr, Donnerstag, 04.Mai, als wir uns
bereits innerhalb der Strafanstalt befanden. Sie brachten uns in
einen Speisesaal und trennten Männer und Frauen. In einer Ecke und
unter dem Weinen der Frauen erzählten wir einander die Quälereien,
deren Ziel wir gewesen waren. Eine junge Frau zeigte mir ihre
zerrissene Unterwäsche und ihren Kopf, mit einer offenen Wunde voller
Blut. Eine andere berichtete, dass sie auf zwei Wegen weggebracht
worden war, während sie sie geschlagen, gequält und zu ihr gesagt
hatten: "Wir werden dich umbringen, Hure." Eine weitere Jugendliche
erzählte mir, dass sie wahrscheinlich schwanger war ; alles unter
Weinen und solidarischem Händedrücken.
Der Zustand von Schock unter
den Frauen war deutlich. Gegenüber redeten die Männer untereinander
und wir sahen ihre blutigen Gesichter, die von den brutalen Schlägen
deformiert waren. So standen wir, als eine Frau zu uns herkam, einige
Namen nannte und befahl, dass diese Personen aus der Gruppe
heraustreten sollten. Wir waren vier: Cristina, María, Samantha,
Valentina. Eine fünfte kam zu der Gruppe hinzu: Mario. Wir waren fünf
verhaftete AusländerInnen. Dann kam ein Mann, ich glaube, es war der
Gefängnisdirektor und sagte zu uns, dass wir, da wo wir uns befanden,
sicher seien; dass uns hier niemand schlagen würde; dass das, was
ausserhalb der Strafanstalt geschehen war, nichts mit ihm zu tun habe
und dass wir innerhalb des Gefängnisses auch nicht geschlagen worden
waren. Wir baten ihn, einen Aufruf, eine Petition zu machen, was er
uns verweigerte, indessen die sichtlich schwerverletzteren
Verh@fteten weg, in Richtung der internen, medizinischen Station
gebracht wurden. Es handelte sich nicht um eine oder zwei; von
einhundert und ein paar festgenommenen Personen, waren 40
Schwerverletzte.
Einer der zuerst weggebracht wurde, war der
sterbende, alte Mann, der neben mir im Bus gelegen hatte und den ich
nie mehr wieder sah. Nun kamen wir AusländerInnen an die Reihe zur
medizinischen Untersuchung. Ich hatte Blutergüsse am Oberkörper, dem
Rücken, den Schultern, den Fingern, an Oberschenkeln und Beinen. Es
wurde empfohlen, meine Rippen zu röntgen, weil ich Atemprobleme
hatte; aber es wurde nicht gemacht. Die aufnehmende Krankenschwester
und der untersuchende Arzt, handelten in völliger Gleichgültigkeit
gegenüber meiner Person und den Verletzungen. Ich verliess das
Arztzimmer, um das Ende der Untersuchungen von Cristina, María,
Samantha und Mario zu warten. Die Pseudountersuchung war beendet und
sie brachten uns in einen Saal, um uns unsere Erklärungen abzunehmen.
Überraschenderweise tauchte ein Lizensat auf, der uns empfahl, dass
wir keine erklärung abgeben sollten, im Widerspruch zu den
Schreibkräften an den Maschinen "Es ist gut, wenn du dich nicht
erklären willst", das ist dein Recht; aber es wäre gut, wenn du einen
schriftlichen Beweis über dashinterlassen würdest, was dir geschehen
ist",sagte eine Lizensatin zu mir.
Während wir unsere Erklärungen
abgaben, trafen viele Männer mit Krawatten ein, die sich humorvoll
und freundlich gaben und uns fragten, wer wir sind und weshalb wir
nach Atenco gekommen waren, obwohl wir doch bestimmt wüssten, wie
gefährlich die Leute dort seien. Es regnete und sie verlegten uns zu
den anderen Verh@fteten in den Speisesaal und befahlen uns, uns so
hinzusetzen, dass wir keinen Kontakt mit den mexikanischen
Festgenommen aufnehmen konnten. Wenn wir das Bad benutzen wollten,
mussten wir um Erlaubnis fragen. Menschenrechtsbeamte erschienen und
nahmen Erklärungen und Fotos von unseren Verwundungen auf; die
Erklärungen wurden ohne Interesse aufgezeichnet, mechanisch. Wir
wurden gezwungen, unsere Fingerabdrücke machen zu lassen und sie
fotographierten uns von vorne und beide Profile.
Sie sagten , es
handele sich nicht um eine Registrierung/einen Eintrag, sondern es
wäre eine notwendige Untersuchung, denn höchstwahrscheinlich würden
wir am frühen Morgen freigelassen und deshalb müssten sie die Daten
aufnehmen. Ein Topf kalter Kaffee und eine Kiste mit Milchbrötchen
waren das Abendessen. Es war Mitternacht und ich legte mich auf einer
harten Bank hin, um zu versuchen, ein wenig zu schlafen. Es war
unmöglich, denn es war kalt und ich hatte keine Decken. Auf der
Männerseite bemerkte ein Rasta meine Schlaflosigkeit und wir fingen
an, uns per Zeichen miteinander zu unterhalten. Dahinein kam eine
Wache und nannte die Namen der fünf AusländerInnen. Wir standen auf,
sagten den anderen Festgeh@ltenen ein kleines Adiós und verliessen
den Ort.
Fortsetzung tierr@ 13.05.2006 11:41
Sie brachten uns zu einer Registrierstelle, gaben uns unsere paar
Sachen und brachten uns weg, zu einem Laster, der uns, wie sie
sagten, in ein Migrationsbüro in Toluca bringen würde. Von ausserhalb
der Haftanstalt hörte ich bekannte Stimmen, die meinen Namen riefen.
Ich trat an die Gitter und konnte viele meiner FreundInnen ausmachen,
die fragten, wie es mir gehe. Ich sagte mehr oder weniger gut und
dass sie uns zur Migration in Toluca brächten. Sie sagten, dass sie
folgen und mich nicht allein lassen würden.
Meine Tante Mónica
überreichte mir einen Umschlag mit meinen Einwanderungspapieren und
María Novaro, meine Lehrerin und Mamá in México, gab mir einen Umhang
gegen die Kälte. So stieg ich in den Bus, der seine Türen schloss und
verdeckt, fuhren wir los. Wir hielten in einem Büro in Toluca, um
eine Lizensatin aufzunehmen und von dort aus brachten sie uns zur
Migrationsstation den Bergen von DF. Es war drei Uhr früh, als wir
dort ankamen. Ein schlechtgelaunter Arzt nahm ein weiteres Mal die
Verletzungen auf.
Dann schliefen wir ein wenig, denn unsere Ankunft
entsprach nicht den Öffnungszeiten des Büros, weshalb nur wenige
Beamte anwesend waren. Um sieben Uhr brachte ein Gehilfe uns Getreide
mit Milch. Dann nahmen sie mir eine Erklärung ab; eine Erklärung bei
der sie ausserdem meine persönlichen Daten wissen wollten und Fragen
stellten, wie: "Kennst du die EZLN? Warst du in der
Universitätsstadt? Hast du am Wasserforum teilgenommen? Kennst du
anderen festgenommenen AusländerInnen?,etc. Ich unterschrieb die
Erklärung, die, zusammen mit einem Brief meines Lerninstitutes, einem
Brief meiner Lehrerin María Novaro, meinem Pass, meinem chilenischen
Idenditätsausweis und meiner Beglaubigung als internationale
Studentin, meinen Einwanderungsdokumenten beigefügt wurde. Dahinein
rhielt ich einen Anruf des chilenischen Konsuls in Mexiko, der mich
nach meinem Namen fragte, meiner Ausweisnummer und ob ich
irgendwelche Verwandte in Mexiko hätte.
Er sagte, was er tun könne,
sei zu überwachen, dass der entsprechende Prozess unter legalen
Bedingungen vollzogen würde. Dann setzte ich die Erklärung fort und
die Fragen nach der EZLN, Subcomandante Marcos und Atenco wurden
wiederholt. Inzwischen hatten sich draussen vor der Migrationsstation
FreundInnen und Angehörige versammelt, mit denen mir nicht zu
sprechen erlaubt wurde. Ich versuchte es per Zeichen und Schildern,
aber auch das wurde uns untersagt.
Sie brachte mich in einen Raum,
indem sich drei Männer befanden, die mir sagten, sie wären hier, um
mir zu helfen. Dann fotographierten sie mich erneut von vorn, beide
Profile und nahmen jeden Moment der Unterhaltung auf Band auf. Sie
fragten mich nach meinem Namen; ob ich Decknamen hätte; ob ich die
EZLN kenne; ob ich in den Lacandone-Wädern gewesen war; welche Filme
ich vorhätte zu machen und nach Namen, die ihnen Aufschluss über mein
Vorleben gäben. Sie sagten mir, dass meine Freundin América del Valle
sich Sorgen um machen machte, weil ich während des Versuchs in Atenco
zu entkommen, verloren gegangen war.
América del Valle hatte mir
kürzlich in Chile mitgeteilt, dass sie eine der FührerInnen in Atenco
ist, die von der Polizei verfolgt werden. Nach Beendigung des Verhörs
wurden alle Angaben mit einer raffinierten Maschine, in einen
Computer eingegeben. Sie brachten mich in einen anderen Saal, in dem
drei Besucherinnen der Nationalen Komission für Menschenrechte
warteten und nachdem die zwei Spanierinnen und ich, ihnen berichtet
hatten, was wir erlebt hatten, empfahlen sie uns, unverzüglich einen
Anwalt zu verlangen, um rechtlichen Schutz gegen eine mögliche
Ausweisung einzuklagen.
Die Atmosphäre ist drückend und deshalb
verlange ich von einer der Anwältinnen Stift und Papier, um ?Einen
Anwalt " darauf zu schreiben und das durchs Fenster, meinen
FreundInnen draussen zu zeigen. In diesem Augenblick kam ein Lizensat
für Migration herein der, als er mich schreiben sah, fragte:"Brauchst
du einen Anwalt? Ich bin Anwalt, was ist dein Problem?" Ich sagte
ihm, dass ich Ausweisungsschutz beantragen will, woraufhin er mir
antwortete, dass dieser unangebracht wäre, weil dafür, ein ein Monate
langer Aufenthalt in der Migratinsstation nötig ist und dass es viel
wahrscheinlicher wäre, dass wir bald freigelassen würden. Die
Menschenrechtlerinnen unterbrachen ihn und verlangten, dass er mich
mit den Leuten draussen reden lassen sollte.
Ein Besuch wurde
zugestanden und ich durfte fünf Minuten mit Berenice sprechen, der
ich sagte, dass ich Ausweisungsschutz bräuchte und sie antwortete,
dass es diesen schon gäbe. Ich verabschiedete mich abrupt von ihr und
sie brachten mich zum zweiten Mal zu einer arztlichen Untersuchung in
der Migrationsstation. Diese wurde von einem plötzlich erscheinenden
Lizensaten unterbrochen, der den Vorgang beschleunigte und sagte,
dass ich anderswohon verlegt werden würde. Auf meine Frage wohin, gab
er mir keine Antwort. Beim Verlassen der medizinischen Station, traf
ich eine der Besucherinnen für Menschenrechte, die ich darum bat,
meinen FreundInnen draussen mitzuteilen, dass sie mich verlegten. Ich
fragte den Lizensaten wohin ich gebracht würde und er sagte, zu den
Zentralbüros für Migration.
Sie liessen mich nicht mit ihm
weiterreden und brachten mich in einen gesondertes Wagen, indem auch
Mario, mein Landsmann, war. Mit mir stiegen drei Polizisten ein, die
Türen schlossen sich und ein Polizist befahl, die Fenster zu
schliessen. Das Gittertor der Migrationsstation ging auf und der
Wagen schoss los, als ob er etwas entkommen wollte. Wir fuhren
durchschnittlich mit 100 Stundenkilometern, bei beachtlichem Verkehr.
Ich fragte wohin sie uns brächten, erhielt jedoch keine Antwort.
Mitten auf der Strecke bemerkte ich, dass wir auf dem Weg zum
Flughafen waren und dass vor uns zwei weitere Wagen fuhren, einer mit
Samantha, der Deutschen und ein anderer mit María und Cristina, der
beiden Spanierinnen. Vor der Unausweichlichkeit der Ausweisung, blieb
mir nichts weiter, als die Augen zu schliessen, die Zähne
zusammenzubeissen und zu denken: Eine Vergewaltigung mehr. Um 18 Uhr
trafen wir am Flughafen ein. Wir stiegen aus den Autos und betraten,
unter Bewachung, einen komplett weissen Raum, indem sie uns eine
Stunde oder länger, festhielten.
Dann brachten sie uns in die
Wartesäle im Flughafeninnern, wo sie uns weiter bewachten. Zuerst kam
der Flug von Samantha. Wir warteten weiter und ich konnte nicht
anders als zu weinen; es ging mir schlecht; ich beherrschte mich und
versuchte im Gang auf und ab zu gehen; aber eine Wache sagte mir,
dass ich mich hinzusetzten hätte. "Ich fühle mich schlecht",
antwortete ich ihm,"ich werde nicht versuchen, zu fliehen,
lass´mich."Ich weinte weiter und ein Polizist kam zu mir her und
sagte: "Weine nicht, ich bin nicht einverstanden mit dem was hier
passiert. Wenn es dich tröstet, lass dir sagen, dass du nicht
deportiert wirst.
Das du nur ausser Landes gebracht bist, es aber
jederzeit wieder betreten kannst." Illusorischerweise beruhigten mich
seine Worte. Sie brachten uns in eine Bar, wo wir ein paar Zigaretten
rauchten, da wir alle sehr aufgeregt waren. Der Flug der Lan Chile
wird um 23 Uhr angezeigt und Mario und ich werden aufgerufen. Mit
einer festen Umarmung verabschieden wir uns von María und Cristina.
Dann reihen wir uns ein und betreten das Flugzeug. Drinnen kommt ein
Passagier zu mir her und übergibt mir ein paar Briefe, die mir meine
FreundInnen schicken, die draussen alles mögliche versucht haben, um
die Ausweisung aufzuhalten.
Mir kommen die Tränen, weil ich mich
nicht allein weiss. Der Wachbeamte neben mir fragt mich, was mir
passiert wäre und ich erzähle ihm meinen Fall. Ich sage ihm, dass ich
seit 11 Jahren in Mexiko lebe, dass mein Leben in diesem Land liegt,
dass ich geschlagen und von der Polizei gequält worden bin. Er sagt
mir, dass er erst 30 Minuten vor Einstieg in die Maschine darüber in
Kenntnis gesetzt worden war, dass er nach Chile fliegen würde; dass
ihm nicht gesagt worden war, worum es ging; aber dass er sicher
gewesen war, dass es sich um einen besonderen Vorgang handelte, denn
bevor eine Person abgeschoben wurde, befand sie sich normalerweise
mindestens einen Monat lang in der Migrationsstelle und dass es eine
Anordnung von oben ist.
Da ich meine Ausweisung schon auf mich
genommen habe, unterhalte ich mich mit ihm und sage ihm, welche Orte
er während seines kurzen Aufenthaltes in Santiago, aufsuchen sollte.
Die Müdigkeit und Ohnmacht sind zuviel, ich schlafe ein. Mit den
Kordillieren der Anden im Fenster des Flugzeugs wache ich auf. Wir
steigen aus der Maschine. Die Internationale Polizei empfängt uns und
nimmt uns eine Erklärung bezüglich unserer Abschiebung und/oder
Ausweisung ab. Draussen wartet meine Familie; Weinen, Küsse,
Umarmungen. Wir fahren in ein Krankenhaus, um die Verletzungen
bescheinigen zu lassen und organisieren schnellstens eine
Pressekonferenz in Radio und Fernsehen, auf der wir die Illegalität
unserer Ausweisung und die Polizeibrutalität, deren Ziel wir gewesen
waren, anklagen.
2.- Nachdem ich dies berichtet habe, möchte ich die Unangemessenheit
und meine absolute Ablehnung und Wut kundtun, gegenüber:
a) der
Anwendung physischer, psychologischer und sexueller Gewalt als Waffe
der Folter und Nötigung gegenüber den Frauen
b) der
Polizeibrutalität, deren Ziel, unabhängig von unseren Nationalitäten,
alle Verh@fteten gewesen sind
c) der Illegalität meiner Ausweisung in
zweifachem Sinn: Weil ich ordnungsgemässe Einwanderungspapiere
besessen habe und weil die dargestellte Ablehnung des
Abschiebeschutzes, bereits meine Abwesenheit von dem Land begründete,
als ich mich noch in Mexiko aufhielt
3.- Wegen der zuvor dargelegten Prioritäten, studieren wir mit
unseren Anwälten, wie mit unseren Aktionen Folgendes erreicht werden
kann:
a) die Wiederherstellung des Rechts auf Fortsetzung unseres
Studiums in Mexiko, durch alle erdenklichen Schritte seitens der
chilenischen und mexikanischen Regierungen
b) Schritte auf
diplomatischer Ebene der mexikanischen Botschaft in Chile
c) ein
Strafantrag gegen die Polizei wegen des Vergehens der
Körperverletzung d) die Einleitung einer Klage gegen den Staat
Mexiko, wegen illegaler Abschiebung
¡ Keine Vergewaltigungen, Frauen und Männer dürfen nicht als Objekte
benutzt werden, keine Brutaliät und Folter, keine Rechtfertigung der
Gewalt !
Atte. Valentina Palma Novoa
Original unter:
http://chiapas.mediosindependientes.org ... _id=122035
Video: "Los Presos de la ?Democracia? - " Die Gefangenen der
Demokratie" ( 22.März 2006 ) Produziert von "Der andere Journalismus"
und der "Anderen Kampagne"
Watch this video in English Video: Greg Berger, Jill Freidberg, Juan
Felipe Guzmán Cuevas, Sarahy Flores Sosa Audio adicional: Vladimir
Flores Editora: Jill Freidberg Música: Caelum (Spaghetti) del EP This
Guitar; Martin Chacon (Tanguyu, Chilena Con Sandunga)
http://salonchingon.com/cinema/otra_ixcotel.php?city=mx
Mehr über die politischen Gef@ngenen in Mexiko und der Anderen
Kampagne auf der Sonderseite von Narco News:
http://www.narconews.com/otroperiodismo/de.html auch auf audio zapata
13.05.2006 14:29 danke tierr@ für die prompte Übersetzung
Ein Audio-Bericht (spanisch) von Valentina ist auch hier als mp3
erhältlich:
http://chiapas.indymedia.org/local/webc ... _testimoni
o.mp3
la lucha sigue
kleine Ergänzung kh. 13.05.2006 21:31 Mario, der zusammen mit
Valentina ausgewiesene Chilene, erwähnt in seinem Bericht, daß sie in
das Gefängnis Santiaguito la Loma im Gemeindebezirk (Municipio)
Almoloya de Juárez im Bundesstaat Mexiko gebracht worden waren. Von
daher also wohl die Bezeichnung "Almoyolita". -
Mit 'celular' ist ein Mobiltelefon gemeint und FM 3 (forma
migratoria)bedeutet wohl den Migrationsstatus als Student(in).
Ergänzung tierr@ 15.05.2006 11:36 Abolut nichts zu danken,
aber weiss denn niemand, was toteles sind??? In einem anderen Bericht
wird gesagt, dass diese Waffe auch töten kann, dass sie ein "Export"
aus Okinawa ist und eigentlich ein Tonfa, ein, jedenfalls mir, ebenso
unbekanntes Wort....
_______________________________________________
URL:
http://de.indymedia.org/2006/05/146610.shtml
Chiapas98 Mailingliste
JPBerlin - Mailbox und Politischer Provider
Chiapas98@listi.jpberlin.de
http://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/chiapas98